Nachdem ich kürzlich im Übermedien-Newsletter davon las und gestern es zufällig im TV gesehen habe. Schaute ich mir die ersten beiden Folgen der zweiten Staffel an.
Liebe Übonnentin, lieber Übonnent,
seit ungefähr einem Jahr pflege ich eine innige Hassliebe zur ARD-Dokuserie „In höchster Not“. Die Reihe, deren zweite Staffel Anfang Mai startete, begleitet die Retter der Bergwacht Bayern bei ihren dramatischen Einsätzen vor der spektakulären Kulisse aus Zugspitze, Watzmann und Hochkalter. Teilweise filmt das ein Kamerateam, teilweise nur die Go-Pro-Kameras auf den Helmen der Einsatzkräfte. Der Zuschauer ist so besonders nah dran, wird vom Geschehen mitgerissen und entwickelt einen ehrfürchtigen Respekt vor der Arbeit und dem Können der Bergwachtler.
„In höchster Not“ ist ein riesiger Erfolg, fast sieben Millionen Menschen haben die erste Staffel laut ARD in der Mediathek gestreamt. Das ist keine Überraschung, ähnelt die Serie mit ihrem Konzept doch anderen sehr beliebten ARD-Formaten. Etwa „Feuer & Flamme“, das die Arbeit von Feuerwehrleuten zeigt, oder die Polizei-Serie „Nachtstreife“. Alle diese Dokus eint neben dem Einsatz von Kameras am Körper der Einsatzkräfte, dass sie auf Kommentare aus dem Off verzichten und nur die Akteure selbst ihre Einsätze einordnen. Das schafft einerseits eine große Nähe zwischen Publikum und Protagonisten, andererseits liegt die Deutungshoheit eben ausschließlich bei Letzteren.
Bei der ehrenamtlichen Bergwacht und den Berufsfeuerwehren mag das eine rein formale Kritik sein, bei der Polizei sieht das schon anders aus. Hier geht es schließlich um einen Teil der Exekutive, die Medien eigentlich kritisch kontrollieren sollten. Was vom Sender als „exklusiver und unverfälschter Einblick“ angepriesen wird, läuft schnell Gefahr, zu öffentlich-rechtlicher PR zu werden – gerade wenn es um Themen wie Polizeigewalt oder Rassismus geht.
„In höchster Not“ wiederum ist zunächst einmal fantastisches Fernsehen, das mit tollen Bildern der Bergwelt, wunderbar bodenständigen Protagonisten und nervenkitzliger Spannung überzeugt. Weil alpiner Bergsport selbst zu meinen Hobbys gehört, und ich an vielen der Schauplätze schon unterwegs war, ist die Serie daher Pflicht für mich.

Franz Dörfler, Bergretter der Bergwacht Grainau, in der Nähe des Zugspitzgipfels. Foto: BR/Timeline Productions
Und trotzdem – oder gerade deshalb – kann ich kaum eine Folge „In höchster Not“ am Stück anschauen, ohne hektisch auf die Pausentaste zu hauen und meinen Kopf frustriert ins Sofakissen zu schlagen. Denn die Serie ist aus meiner Sicht mitunter ein Dokument schwer auszuhaltender Selbstüberschätzung.
Das mag hart klingen. Aber es ist nun mal so: Viele der in den Episoden geretteten Menschen hatten am Schauplatz ihres Unglücks objektiv nichts verloren. Es sind Menschen, die offensichtlich überhaupt nicht wussten, was sie da eigentlich tun, welche Fähigkeiten sie für ihre Bergtour benötigen oder welche Risiken dort auf sie warten.
Sicher, auch erfahrene Alpinisten sind auf die Bergwacht angewiesen oder verunglücken auf ihren Touren. Aber es ist ein Unterschied, ob ich bei einer schwierigen Klettertour, die ich vorab wochenlang studiert habe und deren Schwierigkeitsgrad ich in Bezug auf meine Fähigkeiten genau einschätzen kann, zufällig von einem Steinschlag getroffen werde. Oder ob ich einfach mal in Sneakers, Hemd und Jeans auf einen rund 2700 Meter hohen Berg hochlatsche und dann irgendwann merke, dass es vielleicht doch keine gute Idee war. Gibt ja zum Glück die Bergwacht, die mich bequem wieder runterfliegt.
Leider gibt es in der Serie einige dieser Fälle, es ist dann zum Haare raufen. Gleich zu Beginn der neuen Staffel gibt es ein Paradebeispiel zu bestaunen. Die Retter werden dabei zum Höllentalferner gerufen. Der Gletscher ist Teil der Höllentalroute, der schwierigsten „Normalroute“ auf die Zugspitze. An seinem Ende wartet ein längerer, kräftezehrender Klettersteig, bevor der Gipfel erreicht ist. Insgesamt gilt es, rund 2200 Höhenmeter in anspruchsvollem Gelände an einem Tag zu absolvieren.
Die Bergwachtler treffen dort nun auf mehrere Männer. Und alles, was man dann erfährt, ist alpinistisches Harakiri. Die einen sind erst um 8 Uhr losmarschiert und hätten damit die letzte Talfahrt der Zugspitzbahn wohl verpasst. Andere haben keine richtigen Steigeisen dabei, obwohl der eisige Gletscher bis zu 40 Grad steil ist. Sie sind kurz davor, bei einem aufziehenden Gewitter in einen exponierten Steig voller Stahlseile einzusteigen. Und zur Krönung fragen sie die Retter bei deren Ankunft: „Realistische Einschätzung, wie lang ist es denn noch bis oben?“
Nicht gerade hilfreich für meinen Frust ist da, dass die Einsatzkräfte das Ganze anschließend in den Interviews meistens mit geradezu stoischem Gleichmut kommentieren. Jeder mache schließlich mal Fehler. Man sei da, um zu retten, nicht um zu bewerten.
Das ist einerseits eine bewundernswerte Einstellung – von Leuten, die es hundertmal besser wissen als ich. Und ja, die Freiheit, sich selbst in Gefahr zu bringen, gehört eben auch zum Menschsein dazu. Andererseits wünsche ich mir insgeheim doch, die Retter würden den völlig Ahnungslosen unter den „Patienten“ öfter verdeutlichen, dass es sich dabei eben nicht um einen Fehler handelt, den man halt mal so macht. Sondern, dass sie mit ihrer Realitätsverweigerung auch andere in Gefahr bringen können – beispielsweise die Einsatzkräfte selbst. Immerhin: Die ersten Folgen der neuen Staffel lassen hoffen, dass meine stillen Wünsche zumindest ansatzweise erhört wurden.
Denn das Problem ist ja: Diese „Fehler“ nehmen zu. Bergwachten im ganzen Alpenraum berichten von steigenden Einsatzzahlen. Das hat natürlich auch mit generell steigenden Zahlen im Alpintourismus zu tun. Aber es ändert sich auch die Art der Einsätze. Ein Bergwachtler sagt dazu in einem „Spiegel“-Interview:
„Was wir beobachten, ist eine Zunahme von blockierten Personen, auch wohl im gesamten Alpenraum: Bei uns im Chiemgau und in den Berchtesgadener Alpen etwa 15 bis 20 Prozent der Einsätze, in der Schweiz sollen es teilweise bis zu 30 Prozent sein. Das sind Personen, die unverletzt oder nicht akut erkrankt sind, aber nicht mehr vor- oder zurückkommen. Sie haben sich im steilen Gelände verstiegen, sind bis zum Anschlag weitergelaufen und können nicht rechtzeitig umkehren oder sind im Klettersteig überfordert. Provokant formuliert: Die Hilflosigkeit am Berg nimmt zu.“
Hier wird schließlich aus meiner „Menschenkritik“ eine Medienkritik. Denn Menschen haben sich natürlich schon immer überschätzt und leichtsinnig Abenteuer am Berg gesucht. Aber die Funktionsweise von sozialen Medien, die starke Präsenz von Berg-Influencern auf Instagram, YouTube oder TikTok, wirkt wie ein Turbo-Katalysator für dieses Phänomen. Gerade junge Menschen, die vielleicht fit sind, aber keinerlei Erfahrung haben, lassen sich von den Videos in die Berge treiben. Und nicht immer kann die Bergwacht ihnen noch helfen.
Das führt zu meinem einzigen wirklichen Kritikpunkt an den Machern von „In höchster Not“: Trotz aller Dramatik und Spannung verharmlost die Serie aus meiner Sicht in vielen Episoden die tatsächlichen Risiken alpiner Gefahren. Jedes Jahr sterben mehrere Hundert Menschen in den Alpen, die italienische Bergwacht verzeichnete im vergangenen Jahr in der Hochsaison allein in einem Monat 83 tödliche Unfälle. Davon bekommt man in der Serie aber kaum etwas mit, stattdessen gehen viele Einsätze relativ glimpflich aus. Beim Aussteigen aus dem Heli noch mal kurz schütteln und dann sitzen die Patienten auch schon wieder mit einer Cola vor dem Bergwachthaus im Tal.

Ein Einsatz der Bergwacht am Höllentalferner. Foto: BR/Timeline Productions
Es gibt natürlich gute Gründe, in so einem Format keine gravierenden oder gar tödlichen Unglücke zu zeigen: Respekt vor den Opfern, das Persönlichkeitsrecht der Betroffenen, das journalistische Gebot, nicht leichtfertig den Voyeurismus der Zuschauer zu bedienen. Zumal die Patienten anschließend zustimmen müssen, ob ihre Rettung in der Serie gezeigt werden darf. Eine Ausnahme stellt daher die am Mittwoch erschienene dritte Folge der zweiten Staffel dar. Hier gerät ein Bergsteiger am Höllentalferner in eine lebensbedrohliche Situation.
Man könnte solche Fälle aus meiner Sicht in den Interviews aber öfter thematisieren, nach Zahlen fragen oder vielleicht auch die Gespräche der Retter nach so einem Einsatz zeigen. Doch bis auf ein paar kernige Sätze („Das kann auch mal tödlich enden“, „Der Berg verzeiht keine Fehler“) bleibt der Tod besonders in der ersten Staffel eine Leerstelle. So verstärkt „In höchster Not“ ironischerweise oft die fatale Annahme, dass einen die Bergwacht da im Zweifel schon rausholt.
Das betrifft auch den Umgang der Retter selbst mit dem Thema. Schließlich handelt es sich um Ehrenamtliche, die regelmäßig mit tödlichen Schicksalen konfrontiert sind. Die Menschen ins Tal begleiten müssen, die gerade ihren Partner, Vater oder Sohn in den Tod haben stürzen sehen. Wie belastend diese Tätigkeit abseits des Einsatzes wirklich ist, wie sie damit umgehen, welche professionellen Hilfsangebote es gibt – all das bleibt bei „In höchster Not“ weitgehend unklar.
Das mag auch mit den Persönlichkeiten der Protagonisten zu tun haben, die zum einen sehr resilient wirken, zum anderen vielleicht auch nicht so gerne öffentlich über ihre Gefühle reden möchten. In einem „Zeit“-Interview klingt allerdings durch, dass sich das Ganze nicht nur in ein wenig kurzfristigem Adrenalin und anschließendem Schulterklopfen erschöpft. Dort sagt ein Bergretter aus der Serie über einen besonders eindrücklichen Einsatz, bei dem ein junger Mann am Berg erfror:
„Das war ein super intensiver Einsatz über eine ganze Woche, mit einer immens hohen Schlagzahl und keinem Moment Pause, um das zu verarbeiten. Das hat mich danach einige Monate beschäftigt, und es hat viele Gespräche gebraucht. Weil es mich einfach nicht losgelassen hat.“
Eine Aussage, die eindrücklicher wirkt als vieles, was man in den spannungsgeladenen Folgen von „In höchster Not“ zu hören bekommt.